Preisträger 2016

»cahier africain«

von Heidi Specogna, 119 Min. (2016)

Credits

Buch und Regie: Heidi Specogna
Kamera: Johann Feindt, bvk
Montage: Kaya Inan
Produzenten: Peter Spoerri, Stefan Tolz
Redaktion: Katya Mader

 

Synopsis

Am Anfang stand ein schmales Schulheft. Anstelle von Vokabeln füllten sich seine karierten Seiten mit den mutigen Zeugenaussagen von 300 zentralafrikanischen Frauen, Mädchen und Männern. Sie offenbaren, was ihnen im Oktober 2002 im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen von kongolesischen Söldnern angetan worden war. Das Heft ist ihr selbst gefertigtes Beweisstück, um die an ihnen verübten Vergewaltigungen zur Anklage zu bringen. cahier africain ist eine Langzeitbeobachtung und begleitet seine Protagonisten aus dem Dorf PK 12 seit 2008: Amzine, eine junge muslimische Frau, hat als Folge der Vergewaltigungen ein Kind zur Welt gebracht. Der Blick auf ihre heute 12-jährige Tochter Fane erinnert sie täglich an das dem Heft anvertraute Leid. Aber inmitten der Versuche den schwierigen Alltag mit Zuversicht zu meistern - und während in Den Haag noch die juristische Aufarbeitung der letzten Kriegsverbrechen im Gange ist – bricht in der Zentralafrikanischen Republik der nächste Krieg aus. Amzine, Fane und Arlette werden erneut in einen Strudel von Gewalt, Tod oder Vertreibung gerissen. An ihrer Seite erlebt der Film den Zusammenbruch von Ordnung und Zivilisation in einem von Bürgerkrieg und Putsch zerrissenen Land.

Autorin: Heidi Specogna
Erstellt: März 2016

 

Jurybegründung

Ein schlichter Titel für einen Dokumentarfilm, dessen erzählerische Vielschichtigkeit vielleicht am ehesten noch mit einem Roman oder einem großen Epos zu vergleichen ist. Wenn man einen, natürlich hinkenden, Vergleich zu einer anderen Kunstform bemühen will. Jedenfalls ist es große dokumentarische Filmkunst, was Regisseurin Heidi Specogna, Kameramann Johann Feindt und Cutter Kaya Inan in 119 Minuten ausbreiten. Ausgangspunkt für den Film ist besagtes Schulheft, in dem Zeugenaussagen und Passbilder von 300 Mädchen und Frauen dokumentiert sind, die 2002 von Söldnern aus dem Kongo vergewaltigt und misshandelt wurden.

Auf dieses Heft stieß Heidi Specogna zufällig bei der Recherche in der Zentralafrikanischen Republik, und daraus wurden nicht weniger als sieben Drehjahre. Über diesen langen Zeitraum begleitet Specogna immer wieder einige dieser 300 Frauen und Mädchen, die dafür kämpfen, dass das an ihnen begangene Verbrechen vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag verhandelt wird. Doch da bricht plötzlich ein neuer Krieg aus, der die Menschen überrollt und versprengt. Das Filmteam folgt ihnen, zeigt ihr Schicksal mit einer fast stoischen Schonungslosigkeit. So schonungslos wie eben die Realität ist, in die diese Mädchen und Frauen geworfen wurden.

Dabei werden die Menschen nie entwürdigt, nie ausgestellt. Sondern ihnen wird die Würde zurückgegeben, die ihnen mit Begriffen wie „Flüchtling“ im Mahlstrom der täglichen TV-News- und Polit-Talkshow-Maschinerie genommen wird.

Schon geht die Angst um vor der „neuen afrikanischen Flüchtlingswelle“, die da nun drohe. Eine reflexhafte Abwehr, eine Weigerung, sich mit der Realität in Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik differenziert auseinanderzusetzen. Genau das aber macht die Regisseurin, mit unermüdlichem Einsatz, großem Einfühlungsvermögen und den Mitteln, die ihr als Dokumentarfilmerin zur Verfügung stehen.

Pressematerial

 

Weiterführende Informationen

»Esperanza 43«

von Oliver Stiller, 20 Min. (2016)

Credits

 

Buch und Regie: Oliver Stiller
Kamera: Oliver Stiller
Montage: Oliver Stiller
Produzent: Oliver Stiller

 

Synopsis

Am 26. September 2014 sind im mexikanischen Iguala nach Übergriffen der Polizei 43 Studenten des Lehramtsinternats in Ayotzinapa verschwunden, sechs weitere Personen starben in derselben Nacht. Offiziell ist der Fall abgeschlossen und die vermissten jungen Männer für tot erklärt worden, obwohl nicht einer von ihnen gefunden wurde. Der Rechtsanwalt Luis Salas ordnet die dünne Beweislage ein. Ernesto ist einer der wenigen an der Universität verbliebenen Kommilitonen und war bei den Vorfällen dabei. Er hat genauso wie die Eltern der dreiundvierzig Hoffnung, die jungen Leute des Erstsemester-Jahrgangs an der Schule wieder zu sehen.

Autorin: Oliver Stiller
Erstellt: Juli 2016

Jurybegründung

Der Titel mag paradox klingen : „Esperanza 43“ auf Deutsch „Hoffnung 43“. Wie kann es Hoffnung geben, wenn 43 jungen Menschen verschwunden sind? Die Bilder der verzweifelten Eltern, die die Fotos ihrer Kinder in der Hand halten, sind um die Welt gegangen. In der Nacht vom 26. auf den 27. September wurden in der mexikanischen Stadt Iguala 43 Studenten der Hochschule von Ayotzinapa von den Schergen eines Drogenkartells und der lokalen Polizei beschossen und verschleppt. Bis heute wurde nicht aufgeklärt, wo die Leichen der jungen Männer sind.

Der Film von Oliver Stiller beginnt mit dem Aufruf für eine Versammlung. Es soll überlegt werden, wie man die Eltern der Opfer unterstützen, sich solidarisch zeigen kann. Ein junger Mann erklärt, dass Studenten dieser Hochschule schon immer ihre Stimme erhoben hätten. Man sieht junge Menschen auf dem Campus reden und diskutieren.

Das Leben geht weiter, scheinen die Bilder von „Esperanza 43“ zu sagen. Doch man spürt den einzelnen Einstellungen und Szenen an, dass der Vorfall das Leben in Iguala grundlegend verändert hat. Die Hoffnung, auf die der Filmtitel anspielt, liegt im Kampf der Eltern um Gerechtigkeit.

Oliver Stiller geht es nicht um eine geschlossene, stringente Erzählung. Wie sollte es auch eine solche geben, wenn eine Ortschaft von einem solchen Verbrechen heimgesucht wurde?

Deshalb sammelt der Regisseur Momentaufnahmen, Stimmungsbilder, Augenblicke, die man sich selbst zusammen setzen kann. Die Kamera hat hier viele Funktionen. Sie ist eine aufmerksame Zuhörerin und Begleiterin. Sie ist Chronistin und ruft Ereignisse wach, die aus unseren Medien längst wieder verschwunden sind. Sie hat aber auch seismografische Fähigkeiten, hält die inneren Beben fest, die den Alltag nach den gewalttätigen Ereignissen noch immer bestimmen.

Die Jury war beeindruckt von der Offenheit des Blickes eines jungen Filmemachers. Wir waren auch davon beeindruckt, dass Oliver Stiller ohne große finanzielle Unterstützung seinen Film realisiert hat. Man spürt „Esperanza“ sein Anliegen an: Manche Sachen dürfen nicht in Vergessenheit geraten, deshalb muss man ihnen die Aufmerksamkeit einer Kamera schenken. Und wie es im Vorspann zum Film heißt: „Lebend habt Ihr sie genommen, lebend wollen wir sie zurück.“

Pressematerial

 

»Mexiko – Künstler gegen das Verbrechen«

von Alexander Bühler und Jens-Uwe Korsowsky, 6:50 Minuten (2016)

Credits

 

Autoren: Alexander Bühler, Jens-Uwe Korsowsky
Kamera: Eugenio Morales-Montoya
Montage: Stefan C. Eggers

 

Synopsis

An den seit Oktober 2014 insgesamt 43 verschwundenen Lehramtsstudenten aus dem mexikanischen Ayotzinapa kommt man im mexikanischen Alltag nicht mehr vorbei. „43" ist eine Chiffre für das ungesühnte Verbrechen in Mexiko geworden, für die Verstrickungen des Staates mit der Drogenmafia. Künstler und die Eltern der mutmaßlich ermordeten Studenten sind die moralische Instanz einer neuen zivilgesellschaftlichen Bewegung geworden. Musiker wie der Rapper Lengualerta machen in ihren Songs auf das unaufgeklärte Verbrechen aufmerksam. Aktionen, wie „Videoclip und Diskurs“, wollen nicht nur die Erinnerung an die 43 Studenten wachhalten, sondern auch den Protest organisieren.

Autorin: Alexander Bühler
Erstellt: Juli 2016

 

Jurybegründung

Ihre Stühle bleiben leer. 43 Lehramtsstudenten verschwinden in Mexiko auf Nimmerwiedersehen. Der Film von Alexander Bühler zeigt, dass ihr Tod – denn lebend erwartet sie wohl kaum jemand zurück – nicht umsonst war. Das gibt Hoffnung. Wer am Anfang glaubt einen Beitrag zu sehen, der nur „Gegen das Vergessen“ ankämpft, wird überrascht. Als wäre es nicht wichtig genug, an das ungeklärte Schicksal der Vermissten zu erinnern, nimmt der Film alle wichtigen Themen Mexikos in den Focus: Unterdrückung, unaufgeklärte Verbrechen, die Macht der Drogenmafia, korrupte politische Eliten, …

Und er zeigt, dass zwar 43 Studenten gestorben sind, aber nicht die Ideale der Menschen in dem mittelamerikanischen Land. Solidarität von unten heißt das Stichwort und hier nimmt der Film noch einmal richtig Fahrt auf. Er zeigt die positive Kraft der Zivilgesellschaft, die das Vergessen nicht zulässt, die erinnert und Veränderung fordert. Eine Gesellschaft die sich nicht länger alles gefallen lassen will, die Zivilcourage zeigt und so zum Vorbild auch für uns wird.

Die Jury hat dem Beitrag den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis in der Kategorie Magazinbeitrag verliehen, weil er eindrücklich zeigt, wie Kunst, wenn sie denn Grenzen überschreitet, zum wichtigen Appell für Gesellschaften werden kann. Neben dem Autoren Alexander Bühler will die Jury auch die Redaktion von „Titel Thesen Temperamente“ ermutigen weiterhin Themen rund um das Thema „Menschenrechte“ auf die Agenda zu setzen. Die Sendung widmet sich immer wieder schwierigen politischen Inhalten und bezieht jetzt schon Stellung für ein positives soziales Miteinander.

 

Pressematerial

 

»Where to, Miss?«

von Manuela Bastian, 83:00 Minuten (2015)

Credits

 

Buch und Regie: Manuela Bastian
Kamera: Jan David Günther
Montage: Maximilian Raible
Produzent_innen: Bianca Laschalt, Marvin Rößler

 

Synopsis

Devki lebt im ständigen Konflikt zwischen dem Wunsch nach Emanzipation und den fest verankerten Traditionen der indischen Gesellschaft. Der Film Where to, Miss? begleitet diese mutige junge Inderin innerhalb von drei Jahren durch drei unterschiedliche Lebensabschnitte: Tochter, Ehefrau, Mutter. Ihr größter Wunsch ist es, Taxifahrerin zu werden. Sie möchte andere Frauen sicher nach Hause bringen und finanziell unabhängig sein. Um ihr Ziel zu erreichen, muss sie sich zuerst gegen ihren Vater, dann gegen ihren Ehemann und schließlich gegen ihren Schwiegervater durchsetzen. Devkis Alltag ist davon geprägt, ihre Lebensvorstellung gegen andere zu verteidigen und für sich selbst einen Weg zu finden, ihre Träume zu verwirklichen, ohne dabei ihre Familie zu verlieren. Anhand des Schicksals von Devki erzählt Where to, Miss? warum es für eine indische Frau so schwierig ist, sich aus den traditionellen Rollenbildern zu befreien.

Autorin: Bianca Laschalt
Erstellt: Mai 2016

 

Jurybegründung

Mit einer jungen Protagonistin, deren persönliche Entwicklung nicht einmal ansatzweise vorauszusehen war, drei Jahre zusammen an einem Film zu arbeiten, ist eine große Herausforderung für eine Studierende an der Filmhochschule. Der dokumentarische Blick der Regisseurin Manuela Bastian richtet sich auf ein großes Land und eine patriarchalisch geprägte Gesellschaft, in der die Vergewaltigung von Frauen trauriger Alltag ist, in der Frauen nicht die gleichen Rechte wie Männer haben. Sie werden ständig angehalten, sich unterzuordnen – zunächst dem eigenen Vater, dann dem Ehemann, dem Schwiegervater und am Ende gar dem eigenen Sohn.

In diesem Kontext entscheidet sich die junge Inderin Devki, Taxifahrerin zu werden. Sie dringt damit in eine Männerdomäne ein und lässt die verkrusteten traditionellen Rollenbilder hinter sich. Devki hat den Wunsch, etwas zu tun, was ihr Freude macht und zugleich anderen Frauen einen Schutzraum beim Taxifahren bietet. Die Kamera begleitet die Protagonistin mit einer verbündeten Nähe und einem besonderen Sinn für das Vermitteln von Stimmungen und Atmosphäre. Devki setzt sich gegen Vorurteile, Ablehnung und Verbote zur Wehr, immer in einer Mischung aus Selbstzweifeln und Verunsicherung, aber auch einem klaren Gespür für ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Der Film macht ihre unermüdliche Energie sichtbar, ihr Leben trotz der Rückschläge, Enttäuschungen und dem wiederkehrenden Gefühl von Ohnmacht selbst in die Hand zu nehmen. Manuela Bastian gelingt es, dass wir Devkis Lage auf sehr vielschichtige Weise mitempfinden können. Immer wieder erleben wir auch Momente von Leichtigkeit und Humor mit ihr. Auf diese Weise kann Devki ermutigend sein für die vielen Frauen, die sich bisher nicht aus ihrem Abhängigkeitsverhältnis gegenüber Männern befreien konnten – wie für diejenigen, die ihren eigenen Traum verwirklichen konnten.

Die Jury zeichnet den Dokumentarfilm „Where to, Miss?“, der sich über das konkrete Beispiel Indien hinaus für die Gleichberechtigung der Frauen und ihre Selbstbestimmung starkmacht, mit dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2016 in der Kategorie Hochschule aus. Der Film behandelt ein noch immer hochaktuelles Thema auf sehr anschauliche Weise und regt das Publikum mit überraschenden Wendungen dazu an, die eigenen Vorstellungen in Bezug auf Rollenbilder genauso zu hinterfragen wie diejenigen über das Land Indien.

 

Pressematerial

 

Weiterführende Informationen

Amnesty International
- Länderreport Mexiko

 

»Morgenland«

von Sonja Elena Schroeder, Luise Rist, Thomas Kirchberg, Hans Kaul, 34:30 Minuten (2015)

Credits

 

Buch und Regie, Kamera, Montage: Mnase Millyon, Merhawi Haile, Kamal Ali, Anita Osmani, Admana Osmani, Wasiullah Salarzai, Shiar Ali, Goitom Kahsu, Reshad Sultani, Mahlet Semere, Nojdar Mhdi, Dawit Teklehannes, Abdiwahad Mohammed Abdi, Tabea Müller und Konstantin Gast
Produzent: Thomas Kirchberg

 

Synopsis

Jugendliche Geflüchtete aus Syrien, dem Irak, aus Afghanistan, Eritrea und Somalia stehen gemeinsam mit Göttinger Jugendlichen, deren Eltern vor sechzehn Jahren aus dem Kosovo geflüchtet sind, vor der Kamera. In dem verspielten, surrealen und gleichzeitig abgrundtief realistischen Film inszenieren sie sich selbst an Lieblings- und Sehnsuchtsorten sowie in ihren Traumberufen. Wer darf in Deutschland bleiben, wer nicht? Die Göttinger Filmemacher BILDWERFER und das Freie Theater BOAT PEOPLE PROJEKT haben mit MORGENLAND einen berührend poetischen und dabei höchst politischen Film gedreht.

Autorin: Sonja Elena Schroeder
Erstellt: Mai 2016

 

Jurybegründung

Wie ist es möglich, ohne professionelle Kenntnisse einen Film zu drehen? Nicht so schwer würden vielleicht viele sagen, denn das Internet ist voll von Tutorials und Programmen, die dabei unterstützen. Durch die digitale Technik ist dies kaum ein Problem. Doch wie kann es gelingen, einen guten Film zu drehen, der die Herzen der Zuschauer_innen berührt und zudem ein gesellschaftlich aufgeheiztes Thema von einer ganz neuen Seite beleuchtet?

Eine Gruppe von Jugendlichen aus Göttingen hat es – mit engagierter Unterstützung – geschafft! Mit ehrlicher Hingabe, großem visuellen und formalen Ideenreichtum und einem Augenzwinkern erstellen sie einen Film über ihre Träume. Ihre offenen Fragen und ihre poetischen Texte über Erfahrungen auf der Flucht, ihr Lebensgefühl und ihre Zukunftswünsche ermöglichen einen besonderen Zugang zu vielschichtigen Biographien.

Doch was sind die Träume dieser Menschen; ein Fußball-Star werden? Hier werden ganz individuelle Träume entwickelt, die uns überraschen und mitträumen lassen. Ein junger Mann aus Libyen träumt etwa davon, Polizist zu sein. Er mag es im Vergleich zu seinem Heimatland, wenn Regeln verlässlich sind, und möchte die Polizei als „Freund und Helfer“ verkörpern. Ein Jugendlicher bewegt sich kunstvoll durch das Wasser eines Schwimmbades. Er spricht über seine Überlebensangst bei der Überfahrt übers Meer in einem leckenden Boot. „Du bist in einer großen Gruppe, aber du bist so allein.“

Ein anderer Jugendlicher tanzt zunächst für sich selbst seinen ganz eigenen Tanz, bevor ihn seine Freund_innen begleiten. Er ist durch die Sahara gegangen. „Ich wasche jeden Tag den Sand von meinem Körper ab.“ Ein junger Mann träumt, selbst Arzt zu sein. Er spricht über die absurde Situation, dass Ärzte versuchen, das Alter von Jugendlichen mit Fluchterfahrung einzuschätzen und Menschen dann plötzlich zwei Geburtstage haben. Seine eigene Fluchtgeschichte hat ihn wertvolle Lebenszeit gekostet, dass der Wunsch, Arzt werden zu können, unerreichbar zu sein scheint.

Der Film transportiert für das Publikum das Gefühl von beständiger Unsicherheit, dem die Protagonist_innen ausgesetzt sind. Durch den Film „Morgenland“ verstehen wir, dass Menschen mit Fluchterfahrung weder an das schnelle Geld glauben, noch sich irgendeine Utopie herbei sehnen. Dafür haben sie viel zu viel in ihrem Leben erlebt, um diesen Trugbildern zu erliegen. Vielmehr ist es die Sehnsucht nach Anerkennung und einen Platz in der Gesellschaft.

Mit diesem tragisch-komischen und zugleich sehr liebevollen, poetischen Film haben es die Macher_innen geschafft, die Herzen der Zuschauer_innen zu berühren. Die Jury findet, dass der Film „Morgenland“ ein herausragendes Beispiel dafür ist, dass Menschen Hand in Hand Großartiges schaffen können. Das beginnt mit einem Film wie diesem. Und wenn viele es wollen, dann lässt sich so viel vorstellen, das als Wunschtraum beginnt und Realität werden kann. Für diese überzeugende Arbeit zeichnen wir den Film „Morgenland“ mit dem Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2016 in der Kategorie Amateure aus.

 

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»Durch den Vorhang«

von Arkadij Khaet, 27:00 Minuten (2016)

Credits

 

Buch und Regie: Arkadij Khaet
Kamera: Sebastian Schafstein
Montage: Arkadij Khaet, Leonard Ostermeier
Produzent_innen: Anna Hauck, Leonard Ostermeier

 

Synopsis

Unbeschwert macht Tom sich mit seiner Klasse auf die Reise nach Israel. Weder sein Lehrer noch die Aussicht auf einen engen Tagesplan verderben ihm die Stimmung. Als er wenige Stunden nach seiner Ankunft verletzt im Krankenhaus liegt ist Tom seine gute Laune vergangen. Wie ist er hier hergekommen? Er lässt die letzten Stunden noch einmal Revue passieren und seine Wut auf das fremde Land wächst, bis seine Bettnachbarin durch den Vorhang, der die beiden trennt, zu erzählen beginnt.

Autor: Arkadij Khaet
Erstellt: Mai 2016

 

Jurybegründung

„Wir sind eine deutsche Klasse. Und wir sind in Israel!“ Mit diesen Worten weist der Lehrer in dem Film „Durch den Vorhang“ das Ansinnen seines Schülers Tom nach einem entspannten und Gedenkstätten-freien Urlaub im Heiligen Land zurück. Tom ist mit seiner Klasse anlässlich eines Schüleraustauschs in Israel. Doch die Reise steht für ihn unter keinen guten Vorzeichen: Sein Gastbruder Ari hasst alles Deutsche aus tiefstem Herzen, und kurze Zeit später liegt Tom mit zwei bandagierten Händen im Krankenhaus. Der Schüleraustausch, den die Elterngeneration mit guten Vorsätzen geplant hatte, nimmt eine völlig andere Wendung. Dies wird humorvoll erzählt und ist großartig gespielt. Leon Seidel, der Darsteller von Tom, verkörpert den dauergenervten und seine Pubertät lustvoll auslebenden Jugendlichen mit beindruckendem Realismus.

„Durch den Vorhang“ erzählt von einer Generation junger Menschen, die nicht mehr so recht wissen, warum sie die Versöhnungsrituale ihrer Eltern mitspielen sollen. Als Tom versucht, Aris Mauer der Ablehnung zu durchbrechen, weist ihn dieser mit den Worten zurück: „You can do all this shit. The Jews understanding the Germans. The Germans hugging the Jews. Happy Family. But in here: Don't speak too much and don't touch my stuff. This is my Reich!“ Die Szene, die kurz darauf in einem wahrhaft explosiven Finale mündet, fasst die Spannung im Verhältnis der beiden Jugendlichen in Bilder. Während sich die Elterngeneration um Versöhnung und eine störungsfreie Oberfläche bemüht, kommt es zwischen den jungen Männern zur Entladung unausgesprochener Spannungen.

Neben dieser gescheiterten Annäherung zwischen Deutschen und Israelis erzählt der Film jedoch noch eine zweite Geschichte. Im Krankenhaus trifft Tom auf eine alte Frau namens Rosa. Sie scheint verwirrt und halluziniert in verschiedenen Sprachen. Nach und nach erfährt Tom von Rosas Schicksal: Als junges Mädchen wurde sie im Rahmen der Kindertransporte, die zwischen 1938 und 1939 über 10.000 jüdischen Kindern das Leben retteten, anstelle ihrer älteren Schwester Karin nach England geschickt. Auf diese Weise entkam sie als Einzige aus ihrer Familie der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie und überlebte anstelle Karins, die eigentlich nach England reisen sollte. Rosa hieß von nun an Karin und lebte das Leben ihrer Schwester. Bis ins hohe Alter plagt Rosa das Schuldgefühl der Überlebenden. Sie bittet Tom darum, ihre Geschichte nicht zu vergessen: „Ihr baut uns Denkmäler, aber Karin darfst du nicht vergessen. Du bist jetzt der Einzige. Vergiss uns nicht.“

Auf kluge Weise verwebt der Film Vergangenheit und Gegenwart. Er geht nicht über die Ermüdungserscheinungen hinweg, die mit dem Thema Holocaust und einer angemessenen Erinnerungskultur verbunden sein mögen. Zugleich zeigt er mit großer Eindringlichkeit, warum das Erinnern wichtig ist – und warum es weniger um Denkmäler als um Menschen geht. „Durch den Vorhang“ ist ein bewegender Film, der eindrücklich dafür plädiert, das Schicksal des oder der Einzelnen niemals zu vergessen. Ohne zu moralisieren, setzt er sich mit der heutigen Generation junger Menschen auseinander und verweist gleichzeitig auf die bleibende Verantwortung für die Katastrophe der Shoah. Durch das durchgängig überzeugende Spiel der Darsteller bietet der Film Identifikationsmöglichkeiten für Schülerinnen und Schüler und ist aus diesem Grund ein wertvoller Beitrag gerade auch im Bildungskontext. „Durch den Vorhang“ ist ein Glückfall, weil er filmisches Können mit einer eindrücklichen, jedoch niemals aufdringlichen Botschaft verbindet.

 

Pressematerial